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Nietzsche, der einer
Pastorenfamilie entstammte, studierte erst ein Semester Theologie und
anschließend von 1864 bis 1868 klassische Philologie in Bonn und
Leipzig. Bereits 1869 trat er auf Empfehlung Ritschls eine Professur
für Philologie an der Universität Basel an, mußte diese
jedoch 1879 krankheitsbedingt niederlegen. Seit den 70er Jahren verschlimmerte
sich Nietzsches gesundheitlicher Zustand zunehmend und kulminierte 1889
in einer geistigen Umnachtung, deren konkrete Gründe bisher noch
unbekannt sind. Bis zu seinem Tode wurde Nietzsche dann von seiner Schwester
Elisabeth Förster-Nietzsche gepflegt. Sie verwaltete zudem seinen
Nachlaß und forcierte die Nietzsche-Rezeption nach nationalistischen
und rassistischen Gesichtspunkten. Nietzsches Philosophie gilt als grundlegend
für die Lebensphilosophie und als einflußreich für den
Existentialismus. In neuerer Zeit wurde Nietzsches Werk insbesondere
im Rahmen der Postmoderne und des Poststrukturalismus rezipiert.
Für das Werk Nietzsches kann nicht von einer systematischen Philosophie gesprochen werden. Kein stringentes Begriffssystem bestimmt seine Gedanken, sondern ein eher literarisch zu nennendes Verfahren, bei dem leitmotivisch und metaphorisch bestimmte Phänomene und Intentionen zum Ausdruck gebracht werden sollen. Dieses Verfahren entspringt der grundsätzlichen Verneinung einer reinen Rationalität, die ihre Lebens- und Interessenbestimmtheit nicht anerkennen will. Dem entspricht auch die grundsätzliche Betonung des Ästhetischen für Nietzsches Philosophie, die sich insbesondere auch in der zeitweiligen Affinität Nietzsches zu den Arbeiten Richard Wagners niederschlug, in der Hoffnung, durch eine Art des musikalischen Gesamtkunstwerks Einfluß auf die Gestaltung des Lebens nehmen zu können. Schon in seinem ersten Buch, der "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" (1872), werden diese Grundkonstellationen bedeutsam sowie auch die zentrale Rolle, die für Nietzsche der auf Schopenhauer zurückgehende Begriff des Willens einnimmt. Nietzsche sieht in den beiden Göttern Dionysus und Apollon den Dualismus von unbedingtem Willen und kühler, zurückhaltender Rationalität symbolisiert, wobei für die Griechen beide Ebenen untrennbar verbunden waren. Erst mit dem Christentum wurde nach Nietzsche das apollonische Prinzip vereinseitigt. Diese einseitige Rationalitätsbetonung ist für Nietzsche der Ausdruck auch einer beginnenden Degeneration, wie überhaupt das Christentum der Kern moderner Verfallserscheinungen ist. Historismus, Liberalismus und auch Sozialismus sind für Nietzsche gleichsam nur Symptome dieses christlich bedingten Niedergangs. Sie sind Ausdruck einer nüchternen Rationalität und abstrakten Gesellschaftsvorstellung, die letztlich lebensfern ist, daß der Wille als zentrale Kategorie ausgeschaltet wird. Es handelt sich ähnlich dem Christentum um die systematische Entwertung der konkreten Welt zugunsten einer jenseitigen Spiritualität, Moralität oder Utopie. So hat das Christentum auch den Menschen degeneriert, indem er durch den Blick auf die angeblichen Ideale sich in seiner konkreten Situation als minderwertig begreift und diese Minderwertigkeit noch als (christliche) Tugend propagiert. So wird das Christentum zum Ausgangspunkt einer allseitigen "Sklavenmoral", die die Tugenden der Schwächlichkeit überhöht (Nächstenliebe, Altruismus) und die "gesunde" Lebenskraft und den selbstbewußten Willen unterdrückt. Erst so entsteht ein System von Neid und indirekter Konkurrenz, ein strategischer Egoismus, der schließlich lebensfeindlich und wider die natürlichen Bedürfnisse ist. Demnach sieht Nietzsche die Hauptaufgabe der Philosophie in der Verkündigung einer neuen, lebensnahen Gestaltung der menschlichen Gemeinschaft, in der "Umwertung" der bestehenden christlichen Werte. "Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft", heißt es im "Zarathustra", dem Hauptwerk Nietzsches von 1883. In literarisch-messianischer Form wir hier der neue Mensch propagiert, der sein Ziel nicht in Gott, sondern im Übermenschen sieht. Der Ausgangspunkt dieser neuen Wertsetzung ist dabei das Ende des christlichen Wertesystems: "Gott ist tot." Nietzsches Neubestimmung kann also keineswegs als Nihilismus gewertet werden, sondern lediglich als eine Umwertung menschlichen Strebens auf die irdische Bedingtheit im Eingedenken der natürlichen Bedürfnisse und Anlagen. Danach ist auch nicht ein abstraktes Glück, sondern konkrete Macht des Einzelnen das grundlegende menschliche Ziel. Der "Übermensch" ist dabei lediglich eine Art der regulativen Idee, welche den Gedanken der steten Weiterentwicklung und Selbstüberwindung des Menschen impliziert. Nietzsche sieht diesen Fortschritt keineswegs als historische Teleologie auf einen geschichtlichen Endzustand hin. Der Mensch wird zum Menschen durch den Versuch der andauernden Selbstüberwindung, während die Geschichte eine Art der kontinuierlichen Wiederholung ist. Der Mensch transzendiert sich selbst, ohne abzulenken auf religiöse oder historische Heilsvorstellungen.
Insbesondere die Theorie
des Übermenschen wurde, sicher auch aufgrund der inhaltlichen Unbestimmtheit
dieses Ideals, nationalistisch, chauvinistisch und später eben
auch nationalsozialistisch umgedeutet, der Begriff der Herrenmoral rassistisch
mißbraucht. Inwieweit diese Umdeutungen mit dem Werk Nietzsches
vereinbar sind, ist nicht immer klar zu beantworten und hat zu zahlreichen
Auseinandersetzungen geführt. Eine rassistische oder gar antisemitische
Ideologie jedoch kann mit den Arbeiten Nietzsches nicht fundiert werden
und geht letztlich gegen die Intention der Texte. Schaut man auf die
Rezeption Nietzsches im Nationalsozialismus, ist eine klar vereinfachende
und zum Teil entstellende Lesart zu erkennen.
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