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Johann Wolfgang von Goethe
Die Musik aber, so wenig als irgendeine Kunst, vermag auf Moralität zu wirken, und immer ist es falsch, wenn man solche Leistungen von ihnen verlangt. Da man immer Zeit genug hat, wenn man sie gut anwenden will, so gelang mir manchmal das Doppelte und Dreifache. In meines Vaters Hause, sage ich mir, sind viele Appartementer, und der dunkle Keller unten gehört so gut zum Palast als der Altan auf dem Dache. Manchmal komme ich mir vor wie eine magische Auster, über die seltsame Wellen weggehen. Wenn
dir‘s im Kopf und Herzen schwirrt, Die Hindus der Wüste geloben, keine Fische zu essen. Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so könnten sie Menschen werden. Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen. Goethe war so entfernt von aller Ostentation, daß er im Gegenteil zu wenig auf seine Sachen gab und sie ihn nach einiger Zeit schon nicht mehr interessierten, ja ihm sogar aus dem Gedächtnis kamen und er, zufällig sie wiederlesend, verwundert war, daß er imstande gewesen, so etwas schreiben zu können. Denn es waren nach seinem Vergleich ebenso viele Häutungen seines Wesens, abgelegte Schlangenhäute, »Stücke seiner ehemaligen Garderobe- (nach mündlicher Äußerung), und insofern ihm mehr von historischen Interesse als von lebendig gegenwärtigem. Denn ihm ward, was nur wenigen zuteil wird: sich selbst schon historisch anzusehen. Man
meint immer, man müsse alt werden, um gescheit zu sein; im Grunde
aber hat man bei zunehmenden Jahren zu tun, sich so klug zu erhalten,
als man gewesen ist. Der Mensch wird in seinen verschiedenen
Lebensstufen wohl ein anderer, aber ich kann nicht sagen, daß
er ein besserer werde, und er kann in gewissen Dingen so gut in seinem
zwanzigsten Jahre recht haben, als in seinem sechzigsten. Der Mensch hat verschiedene Stufen, die er durchlaufen muß, und jede Stufe führt ihre besonderen Tugenden und Fehler mit sich, die in der Epoche, wo sie kommen, durchaus als naturgemäß zu betrachten und gewissermaßen recht sind. Auf der folgenden Stufe ist er wieder ein anderer, von den früheren Tugenden und Fehlern ist keine Spur mehr, aber andere Arten und Unarten sind an deren Stelle getreten. Und so geht es fort, bis zu der letzten Verwandlung, von der wir noch nicht wissen, wie wir sein werden Nichts
vom Vergänglichen, Lange leben heißt gar vieles überleben, geliebte, gehaßte, gleichgültige Menschen, Königreiche, Hauptstädte, ja Wälder und Bäume, die wir jugendlich gesät und gepflanzt. Wir überleben uns selbst und erkennen durchaus noch dankbar, wenn uns auch nur einige Gaben Leibes und Geistes übrig bleiben. Alles dieses Vorübergehende lassen wir uns gefallen; bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit. Man muß oft etwas Tolles unternehmen, um nur wieder eine Zeitlang leben zu können. In meiner Jugend habe ich es nicht besser gemacht, und doch bin ich noch ziemlich mit heiler Haut davongekommen. Unsere Zustände schreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu und fehlen ein- wie das anderemal: in uns selbst liegt das Rätsel, de wir Ausgeburt zweier Welten sind. Mit der Farbe gehts ebenso- bald sucht man sie im Lichte, bald draußen im Weltall und kann sie gerade da nicht finden, wo sie zu Hause ist. Frömmigkeit
ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die reinste Gemütsruhe
zur höchsten Kultur zu gelangen. »Ich glaube einen Gott!« dies ist ein schönes löbliches Wort; aber Gott anerkennen wo und wie er sich offenbare, das ist eigentlich die Seligkeit auf Erden. Gott,
wenn wir hoch stehen, ist alles; stehen wir niedrig, Wer die Natur als göttliches Organ leugnen will, der leugne nur gleich alle Offenbarung. Ich bedauere die Menschen, welche von der Vergänglichkeit der Dinge viel Wesens machen und sich in Betrachtung irdischer Nichtigkeiten verlieren. Sind wir ja eben deshalb da, um das Vergängliche unvergänglich zu machen; das kann ja nur dadurch geschehen, wenn man beides zu schätzen weiß. Kunst und Altertum Was
wär‘ ein Gott, der nur von außen stieße, Ich
habe nichts gegen die Frömmigkeit, Die Frage, ob einer seine eigne Biographie schreiben dürfe, ist höchst ungeschickt. Ich halte den, der es tut, für den höflichsten aller Menschen. Ich habe die Erfahrung wieder erneuert, daß ich nur in einer absoluten Einsamkeit arbeiten kann und daß nicht etwa das Gespräch, sondern sogar schon die häusliche Gegenwart geliebter geschätzter Personen meine poetischen Quellen gänzlich ableitet. So viel Philosophie, als ich bis zu meinem seligen Ende brauche, habe ich noch allenfalls im Vorrat, eigentlich brauche ich gar keine. - Viel ward über die Methode des Zeitgebrauchs gesprochen: Sonst hatte ich einen gewissen Zyklus von fünf oder sieben Tagen, worin ich die Beschäftigungen verteilte; da konnte ich unglaublich viel leisten. Alles, was auf uns wirkt, ist nur Anregung, und Gott sei Dank! wenn sich nur etwas regt und klingt. Diese Tage hab ich wieder Linn6 gelesen und bin über diesen außerordentlichen Mann erschrocken. Ich habe unendlich viel von ihm gelernt, nur nicht Botanik. Außer Shakespeare und Spinoza wüßt ich nicht, daß irgendein Abgeschiedener eine solche Wirkung auf mich getan. Wundersam
ist es, aber ganz natürlich: die Menschen spekulieren auf unsre
letzte Zeit wie auf sibyllinische Blätter, da sie die vorhergehende
kalt und freventlich auflodern ließen ... Man
spricht immer von Originalität, allein was will das sagen!
Sowie wir geboren werden, fängt die Welt an, auf uns zu wirken,
und das geht so fort bis ans Ende. Und Oberhaupt, was können
wir denn unser Eigenes nennen, als die Energie, die Kraft, das Wollen!
Wenn ich sagen könnte, was ich alles großen Vorgängern
und Mitlebenden schuldig geworden bin, so bliebe nicht viel übrig.
...aber
für höhere Komposition, für Haltung, Licht, Schatten,
Farben kann ihm die natürliche Anlage fehlen, ohne daß
er es gewahr wird. Die Menschen halten sich mit ihren Neigungen ans Lebendige. Die Jugend bildet sich wieder an der Jugend. Alles Vortreffliche beschränkt uns für einen Augenblick, indem wir uns demselben nicht gewachsen fühlen; nur insofern wir es nachher in unsere Kultur aufnehmen, es unsern Geist- und Gemütskräften aneignen, wird es uns lieb und wert. Wie
die Pflanzen zu wachsen belieben, Willst du dir aber das Beste tun, So bleib nicht auf dir selber ruhn, Sondern folg eines Meisters Sinn; Mit ihm zu irren ist dir Gewinn. Kein Wort steht still, sondern es rückt immer durch den Gebrauch von seinem anfänglichen Platz, eher hinab als hinauf, eher ins Schlechtere als ins Bessere, ins Engere als ins Weitere, und an der Wandelbarkeit des Wortes läßt sich die Wandelbarkeit der Begriffe erkennen. Nicht die Sprache an und für sich ist richtig, tüchtig, zierlich, sondern der Geist ist es, der sich darin verkörpert, und so kommt es nicht auf einen jeden an, ob er seinen Rechnungen, Reden oder Gedichten die wünschenswerten Eigenschaften verleihen will: es ist die Frage, ob ihm die N a t u r hierzu die geistigen und sittlichen Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: das Vermögen der An- und Durchschauung, die sittlichen: daß er die bösen Dämonen ablehne, die ihn hindern könnten, der Wahrheit die Ehre zu geben. Ich verfluche allen negativen Purismus, daß man ein Wort nicht brauchen soll, in welchem eine andere Sprache vieles oder Zarteres gefaßt hat. Die Gewalt einer Sprache ist nicht, daß sie das Fremde abweist, sondern daß sie es verschlingt. Man
kann niemand lieben, als dessen Gegenwart man Lieben
heißt leiden. Man kann sich nur gezwungen (natura) dazu
entschließen, das heißt, man muß es nur, man will
es nicht. In der Jugend und in der Liebe macht man die frais
(=die Kosten) von allem und hält die Weiber frei in Witz, Geist
und Liebenswürdigkeit. Gegen
große Vorzüge eines andern gibt es kein anderes Zu der Zeit liebt sich‘s am besten, wenn man noch denkt, daß man allein liebt und noch kein Mensch so geliebt hat und lieben werde. Beide
Geschlechter besitzen eine Grausamkeit gegen einander, die sich vielleicht
in jedem Individuum zuzeiten regt, ohne gerade ausgelassen werden
zu können: bei den Männern die Grausamkeit der Wollust,
bei den Weibern die des Undanks, der Unempfindlichkeit, des Quälens
und andere mehr. Der
Wolf im Schafspelz ist weniger gefährlich als das Ob
denn die Glücklichen glauben, daß der Unglückliche
Ich
habe gar nichts gegen die Menge; Das Dämonische ist dasjenige, was durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen ist. In meiner Natur liegt es nicht, aber ich bin ihm unterworfen. Wie
an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Sie werden finden, daß im mittleren Leben eines Menschen häufig eine Wendung eintritt und daß, wie ihn in seiner Jugend alles begünstigte und alles ihm glückte, nun mit einem Mal alles ganz anders wird, und ein Unfall und ein Mißgeschick sich auf das andere häuft. Wissen Sie aber, wie ich es mir denke? - Der Mensch muß wieder ruiniert werden! - jeder außerordentliche Mensch hat eine gewisse Sendung, die er zu vollführen berufen ist. Hat er sie vollbracht, so ist er auf Erden in dieser Gestalt nicht weiter vonnöten, und die Vorsehung verwendet ihn wieder zu etwas anderem. Da aber hier habe ich alle Hoffnung aufgegeben und fürchte, daß sie nach wie vor sich verkennen, mißachten, hindern, verspäten, verfolgen und beschädigen werden. Niemand
muß herein rennen Die
Deutschen sind ein gut Geschlecht! Den Deutschen ist nichts daran gelegen, zusammen zu bleiben, aber doch, für sich zu bleiben. jeder, sei er auch wer er wolle, hat so ein eignes F ü r s i c h, das er sich nicht gern möchte nehmen lassen. Wenn ein deutscher Literator seine Nation vormals beherrschen wollte, so mußte er ihr nur glauben machen, es sei einer da, der sie beherrschen wolle. Da waren sie gleich so verschüchtert, daß sie sich, von wem es auch wäre, gern beherrschen ließen
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